2026 – 🇩🇪 Imperia – Herrin über Kirche und Krone

Konstanz 🇩🇪

Die Stadt Lindau begrüsst ihre Gäste an der Hafeneinfahrt traditionsbewusst mit einem stattlichen Löwen, Friedrichshafen hingegen modern mit dem architektonisch raffinierten Molenturm. Doch die aussergewöhnlichste Hafenstatue am Bodensee steht in Konstanz.

Hier erhebt sich auf dem Pegelturm die 9 Meter hohe, imposante Imperia; eine „Hübschlerin“ (mittelalterlicher Begriff für Prostituierte), die auf ihren Händen zwei nackte, kraftlose Männerfiguren balanciert. Deren Aussehen erinnert verdächtig genau an Kaiser Sigismund und Papst Martin V aus der Zeit des Konstanzer Konzils 1414 – 1418,  auch wenn ihr Erschaffer Peter Lenk, auf Nachfrage mit einem Augenzwinkern meinte: „Es handelt sich bei den Figuren nicht um den Papst und den Kaiser, sondern um zwei Gaukler, die sich die Insignien der weltlichen und geistlichen Macht angeeignet haben. Doch inwieweit die echten Päpste und Kaiser ebenfalls Gaukler waren, überlasse ich der geschichtlichen Bildung der Betrachter.“

Enthüllt wurde die Skulptur am 24. April 1993. Zwei Jahre Arbeit und das komplette Erbe seines Vaters von über 100’000 D-Mark, hatte der Künstler in sein Projekt gesteckt, und dabei nicht zuletzt zahllose Konflikte durchgestanden. Denn die Entstehungsgeschichte der Imperia gleicht einem Schwank in mehreren Akten.

Der Fremdenverkehrsverein Konstanz hatte dem Bildhauer Peter Lenk den Auftrag erteilt, eine Hafenstatue zu erschaffen. Lenk war keineswegs ein unbeschriebenes Blatt; bereits sein provokativer Brunnen, den er drei Jahre vor der Imperia erbaut hatte, spaltete die Konstanzer Bevölkerung in Begeisterte und Entsetzte. In Lenks Brunnen hocken wohlstandsfette Figuren träge im Wasser, Verkehrsteilnehmer am Steuerrad haben entweder affige oder infantile Züge, und drei Erdschweinchen mit menschlich-männlichen Fratzen gieren einer vollbusigen nackten Frauenfigur nach.

Mit der Wahl dieses „Enfant terrible“ der lokalen Kunstszene als Erschaffer des neuen Wahrzeichens, musste also wohl damit gerechnet werden, dass am Ende weder ein tapferer Held, noch ein wohlgefälliges Fräulein den Sockel am Hafen schmücken würde. Lenk hatte eher eine Art New Yorker Freiheitsstatue im Sinn – doch ganz auf Konstanzer Art natürlich.

Lange Zeit interessierte sich niemand wirklich dafür, was der Künstler, zusammen mit Werner Häusler, dem Chef des Fremdenverkehrsvereins genau ausheckte. Als Komplizen holten sich die Beiden Dieter Bögle ins Boot, den damaligen Geschäftsführer der Bodensee-Schiffsbetriebe, in deren Eigentum der Pegelturm am Konstanzer Hafen stand; jener Ort, den Peter Lenk für seine Statue ausgewählt hatte.

Doch anfangs 1993 begann die Gerüchteküche zu brodeln, obschon niemand Genaueres über die Statue wusste, da sie eine Überraschung werden sollte. Doch genau dies nährte die Spekulationen umso mehr. Denkmalpfleger sorgten sich um die Konstanzer Stadtsilhouette und das Erzbischöfliche Ordinariat um den religiösen Frieden, weshalb der Oberbürgermeister brieflich und mit Nachdruck aufgefordert wurde, seinen Einfluss gegen die Aufstellung der Figur geltend zu machen. So wurde die Angelegenheit schliesslich kurz vor der Enthüllung der Statue im Konstanzer Gemeinderat verhandelt. Und tatsächlich: In der Sitzung vom 1. April 1993 sprach sich eine knappe Mehrheit sogar gegen eine probeweise befristete Aufstellung der Skulptur aus. Doch genau jetzt ging die Strategie des „Trio infernale“ Lenk, Häusler und Bögle präzise auf: Da der Aufstellungsort im Eigentum der Schiffsbetriebe lag, für die Aufstellung der Skulptur gemäss Landesbauordnung keine Genehmigung erforderlich war und das gesamte Projekt ohne öffentliche Gelder realisiert wurde, hatte das Verdikt des Gemeinderates keine rechtliche Wirkung.

Inzwischen hatte Lenk die einzelnen Elemente der massiven Betonstatue natürlich auch schon längst erschaffen. Zunächst in seinem Atelier in Bodman-Ludwigshafen und später – aufgrund von Platzproblemen – im Werkstattsraum der Staatsgalerie Stuttgart, entstand Stück für Stück die „Constanze“, wie die Figur zunächst eigentlich heissen sollte.

Bildquelle: Imperia – Hafen Konstanz (1994). Verlag Stadler, Konstanz

Erneutes Unheil drohte, als das Landesdenkmalamt plötzlich Bedenken anmeldete, weil die wasserschutzrechtliche Genehmigung fehlte. Doch auch diese Probleme löste Lenk dank einflussreicher Freunde: Der damalige Schweizer FDP Nationalrat und frühere Präsident der Thurgauischen Kunstgesellschaft, Ernst Mühlemann, setzte sich grenzübergreifend für die Erteilung der Genehmigung ein und reüssierte; so jedenfalls schildert es Peter Lenk selbst, in seinem Buch „Imperia Konstanz. Eine tolldreiste Geschichte“.

Und auch weitere Steine räumten Lenk und seine Verbündeten erfolgreich aus dem Weg: Weil der Konstanzer Gemeinderat den Stadtwerken untersagt hatte, ein Schiff für den Transport der Imperia bereitzustellen, charterten sie kurzerhand die Fähre, die normalerweise zwischen Friedrichshafen und Romanshorn verkehrt und verluden in strömendem Regen, die in acht Einzelteile zerlegte Figur mit ihren insgesamt 18 Tonnen Gewicht.

Bildquelle: Imperia – Hafen Konstanz (1994). Verlag Stadler, Konstanz

Zur feierlichen Enthüllung hatte Dieter Bögle mit seinen Bodensee-Schiffsbetrieben eine Sternfahrt organisiert. 2400 Gäste kamen per Schiff, tausende weitere strömten zu Fuss an den Hafen. Die Konstanzer waren wohl ziemlich erschlagen von der Wucht ihres neuen Wahrzeichens, und manch einer wusste nicht so genau, ob er seinen Augen wirklich trauen konnte, als die Verhüllung fiel.

Bildquelle: Imperia – Hafen Konstanz (1994). Verlag Stadler, Konstanz

Die Skulptur polarisierte, und in den Leserbriefspalten der Zeitung „Südkurier“ gab es über Monate praktisch kein anderes Thema als die skandalumwitterte Hübschlerin und ihre unerhörte Herabwürdigung von Kirche und Krone. Doch die Imperia blieb standhaft auf ihrem Sockel. Sie überstand ihre „Probezeit“, und mehrere Versuche, sie an einen weniger exponierten Ort zu versetzen, liefen ins Leere.

Heutzutage ist Konstanz ohne die Imperia kaum mehr vorstellbar. Sie ist eines der meist fotografierten Motive der Bodenseeregion und international bekannt. Der Reiseführer „Lonely Planet“ erwähnt sie als eine der markantesten Sehenswürdigkeiten am Bodensee, und im „Guide du Routard“, einem bedeutenden französischen Reiseführer steht: „Controversée à son inauguration en 1993, Imperia est désormais le symbole de la ville.“ Ironischerweise wurde die Imperia im August 2024 sogar offiziell als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt – ausgerechnet sie, die 30 Jahre zuvor von den Denkmalpflegern noch als Bedrohung wahrgenommen wurde!

Doch wurde die Imperia eigentlich nach einem realen Vorbild entworfen, oder ist sie „ein Meisterwerk postmodern-ironischer Brechungen von realer Geschichte und Geschichtsfiktion“, wie es das Landesamt für Denkmalpflege ausdrückt? Angelehnt ist sie an eine Romanfigur aus der Erzählung „La belle Impéria“ von Honoré de Balzac. Im Buch agiert Imperia als Kurtisane während des Konstanzer Konzils, das 1414 bis 1418 stattfand, und ist sowohl die Geliebte von weltlichen, als auch von kirchlichen Würdenträgern. Die Vorlage zur Romanfigur war „Lucrezia de Paris“, eine populär gewordene Prostituierte, die allerdings erst rund 100 Jahre nach dem Konzil lebte. Allerdings ist auch das lebhafte Kurtisanenleben während der Konzilzeit keine Erfindung, sondern historisch belegt – und auch zweifelhafte Verstrickungen von Kirche und Krone dürften eher Regel als Ausnahme gewesen sein.

Mir selbst entlockt die Imperia mit ihrer Symbolik jedes mal ein kleines Grinsen, wenn ich an ihr vorbei gehe. Ihr eigenes Lächeln ist diskreter, aber dennoch unübersehbar; insbesondere, wenn man mit einem Kursschiff in den Konstanzer Hafen einfährt und die Statue aus nächster Nähe passiert. Deshalb lautet mein Tipp, bei der Einfahrt nach Konstanz immer vorne, bzw. auf der rechten Schiffsseite Ausschau nach ihr zu halten. Allerdings: Die Imperia dreht sich auf ihrem Sockel um die eigene Achse, und zwar genau einmal in 4 Minuten. So kann es sein, dass sie einem bei der Vorbeifahrt anstelle des offenen Blicks ihr Hinterteil zukehrt. Auch über ihr Publikum behält die Herrin von Konstanz also die Macht und lässt sich nicht in eine bestimmte Position zwingen.

 


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3 thoughts on “2026 – 🇩🇪 Imperia – Herrin über Kirche und Krone

  1. Grossartig, liebe Flurina! super recherchiert und und wunderbar zusammengefasst. Ein absolut lesenswerter Text. Danke dir!

  2. Hallo Flurina
    Konstanz ist die nächste „grosse“ Stadt vom Ort, wo ich aufgewachsen bin.
    Und trotzdem ist deine Erzählung neu für mich.
    Herzlichen Dank
    💦🐋ter💦

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