2026 – 🇩🇪 Die stylischen Stühle von Stadelhofen

Konstanz Stadelhofen 🇩🇪

Meine jüngste Blog-Kategorie AUSFLÜGE VOR DER HAUSTÜR ist geografisch durchaus etwas weitläufig gedacht und soll die gesamte Region rund um den westlichen Bodensee umfassen. In diesem Beitrag jedoch trifft die Bezeichnung „vor der Haustür“ tatsächlich zu, denn einen richtigen Ausflug musste ich gar nicht unternehmen, um in das Konstanzer Quartier Stadelhofen zu gelangen. Dieses ist der südlichste Teil der Altstadt und wird durch die Bodanstrasse, den Döbeleplatz und den Hauptzoll begrenzt, auf dessen Schweizer Seite ich wohne. Fast allen bekannt ist vermutlich das Einkaufszentrum LAGO, das direkt an Stadelhofen angrenzt. Das eigentliche Quartier aber, das sich dahinter erstreckt, ist alles andere als ein Touristenrevier. Auf der Webseite der Stadt Konstanz wird Stadelhofen seit 2021 offiziell als „Sanierungsgebiet“ deklariert; die Liste an städtebaulichen und sozialräumlichen Mängeln ist lang und reicht von fehlenden Aufenthaltsmöglichkeiten über verwahrloste Spielplätze bis zur Feststellung eines Trading Down Effekts, bei dem hochwertige Geschäfte durch Ramschläden und Fast Food Ketten ersetzt werden.

Bildquelle: konstanz.de
Bildquelle: wochenblatt.net

Auch ich selbst denke manchmal eher an Berlin als an Konstanz, wenn ich auf dem Heimweg das mir inzwischen gut vertraute Stadelhofen durchquere. Doch ein Wandel ist spürbar, und es würde mich nicht wundern, wenn hier über die nächsten Jahre ein richtiges Trendviertel entsteht – hoffentlich möglichst ohne die negativen Seiten, die man aus solchen Gentrifizierungsentwicklungen kennt. Gastronomische Highlights, wie etwa ein tolles türkisches Restaurant weit jenseits der „Kebab-Liga“, nette Frühstückscafés und ein sehr authentisches japanisches Ramen-Lokal wurden in den letzten Monaten in diversen Quartierstrassen eröffnet und ziehen ein Publikum an, das sonst wohl kaum hierher finden würde. Den zugepflasterten Bodanplatz, der direkt an der stark befahrenen Bodanstrasse liegt, hat die Stadt Konstanz letztes Jahr im Rahmen ihres „Smart Green City“ Konzepts als einen von drei „Sommerorten“ begrünt und belebt. Auch dieses Jahr sind solche Projekte wieder geplant, und ich hoffe sehr, dass der Bodanplatz auch dieses Mal mit dabei ist – und vor allem, dass trotz klammer Stadtkassen nicht nur temporäre Massnahmen ergriffen werden, sondern etwas, das bleibt.

Doch nicht nur die Stadt oder andere offizielle Instanzen werten Stadelhofen mit Verschönerungsaktionen auf. Eine besonderes liebenswerte Idee zeigt sich seit einiger Zeit an praktisch jeder Ecke des Viertels und bringt die Menschen zum Innehalten, Staunen und Lächeln. Irgendwann stand plötzlich ein Stuhl mit begrünter Sitzfläche und liebevoll gestaltetem Schild am Rand der Stadelhofer Hüetlinstrasse. Dann ein weiterer und seither laufend mehr und mehr. Mittlerweile sind sie das kunterbunte Wahrzeichen des Viertels und Stadtgespräch und Fotomotiv zugleich. Zwei eher neuere Exemplare stehen direkt am Hauptzoll, auf beiden Seiten der Landesgrenze, die ich praktisch jeden Tag zu Fuss überquere.

Die meisten der Stühle haben einen direkten Bezug zum Ort, an dem sie stehen, wie zum Beispiel diese beiden besonders schönen Modelle, die ihren Platz vor einem italienischen Wein- und Delikatessen-Importgeschäft haben.

Ich habe mich oft gefragt, wer wohl so viel Ideenreichtum, Talent – und auch einen guten Schuss Guerilla-Kreativität – hat, um eine solch geniale Sache einfach mal frech umzusetzen und unbeirrt immer weiter gedeihen zu lassen. Eine Antwort auf diese Frage habe ich durch einen Zeitungsartikel im „Südkurier“ vom 11.10.25 erhalten, aus dem die folgenden Hintergrundinformationen stammen, die ich hier zitiere:

Die Künstlerin Andrea, die nur ihren Vornamen verraten möchte, wohnt offenbar selbst auch in Stadelhofen. Die Stühle hole sie vom Wertstoffhof, von Flohmärkten oder von Verschenkstationen in Strassen. Sie wolle dazu beitragen, dass es schön aussieht in ihrem Umfeld und die Leute animieren, mutiger zu werden und selbst Initiative zu ergreifen. Ihr Motto ist ein Zitat, das meist Walt Disney zugeschrieben wird, in Wirklichkeit aber vom Disney-Mitarbeiter Tom Fitzgerald stammt: „If you can dream it, you can do it – wenn Du es dir erträumen kannst, kannst du es auch tun“. Der Stuhl mit diesem Spruch war tatsächlich auch der erste, den ich damals als Neuzuzügerin in der Hüetlinstrasse entdeckte.

Auch die lokalen Geschäftstreibenden sind begeistert von der Stuhl-Aktion. Bianca Gagliano vom Hundesalon „Fell und Glanz“ sei von dem Stuhl völlig überrascht worden. Sie gehörte zu den ersten, die einen bekamen.

Andere gingen offenbar auf die Künstlerin zu und fragten bei ihr nach einem passenden Stuhl. So zum Beispiel die Goldschmiedin Christine Claussen, die den Eingang zu ihrer „Schmuckerei“ schon seit fast 10 Jahren auch selbst mit einem Blumenbogen verschönert.

Für Hans Jerratsch unterstreicht die Stuhl-Aktion die gute Nachbarschaft, die in der Strasse sowieso schon gelebt wird. Jeden Morgen fegt er vor seinem Second Hand Laden für Rennräder die Strasse, um das Umfeld sauber zu halten. Passend zu seinem Business hat er von Andrea einen Stahlstuhl bekommen, der mit Velos verziert ist.

Auch Schneider Mustafa Batalci ist begeistert vom perfekt kuratierten Stuhl, den die Künstlerin Andrea für ihn gestaltet hat.

Und das von mir lobend erwähnte japanische Restaurant, das noch vor gar nicht langer Zeit eröffnet wurde, hat inzwischen seinen ganz individuell gestalteten Stuhl erhalten.

Weitere sorgfältig abgestimmte Trouvaillen, die mir begegnet sind, stehen vor der Praxis einer Heilpraktikerin,

und vor einem Coiffeursalon.

Bei anderen Stühlen ist der Bezug zum Standort nicht gleich einfach zu erkennen, aber eine Augenweide sind sie dennoch.

Und bei einem besonders hübschen Modell war ich wiederum auf die Information aus dem „Südkurier“ angewiesen, um das Design zu verstehen. Der Stuhl mit dem Sujet aus der Oper „Madama Butterfly“ steht offenbar vor dem Haus, in dem eine berühmte Konzertsängerin wohnt.

Obschon es in Konstanz natürlich sehr viel schmuckere Orte als die Hüetlinstrasse gibt, ist diese für mich durch Andreas stylische Stühle auf jeden Fall zu einer der besondersten Ecken der gesamten Stadt geworden. Diese Kunstwerke sind ein wertvoller Mosaikstein, damit ganz Stadelhofen hoffentlich bald einmal als Vorzeigeviertel von Konstanz erstrahlt. Ich jedenfalls lebe sehr gerne gleich ennet der Grenze zu diesem liebenswerten Ort, dem die Bezeichnung „Sanierungsgebiet“ auf jeden Fall schon jetzt nicht mehr gerecht wird!


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2 thoughts on “2026 – 🇩🇪 Die stylischen Stühle von Stadelhofen

  1. Ha! Die Stühle! Danke fürs recherchieren. Nun hat sich das Rätsel gelöst. Eine wunderbare Initiative von Andrea, bei mir schleicht sich jedoch sofort die Sorge der Gentrifizierung ein. Denn jede Aufwertung ruft die Profit-Geier auf den Plan…. Hoffen wir, dass die solidarische Gemeinschaft trägt.

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