César Manrique – Der Gestalter von Lanzarote

Tahíche – Guatiza – Mirador del Río – Arrecife – Jameos del Agua – Costa Teguise 🇪🇸

Lanzarote ist etwa 15 Millionen Jahre alt und wurde durch vulkanische Aktivität geformt. Doch über diese uralten Naturgewalten hinaus, gibt es auch einen menschlichen Gestalter, der den Charakter der Insel massgeblich prägte. Zwischen schwarzem Lavagrund und dem spärlichen Grün der Insel, zieht sich ein feiner roter Faden über Lanzarote, der alles zusammenhält: das Lebenswerk von César Manrique. Diesen einzigartigen Künstler, Architekten und Umweltvisionär zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Am passendsten scheint mir eigentlich ein aufgeschnappter Kommentar eines Bündner Landsmanns zu sein, der bei der Betrachtung von Manriques unterirdisch angelegtem Wohnhaus in Tahíche – halb bewundernd und halb fassungslos – meinte: „En uhuara Schpinner, aber en geila Siech“.

Manrique wuchs in Arrecife auf, studierte Kunst in Madrid und zog später nach New York, wo er internationalen Erfolg hatte. Die Dynamik des modernen städtischen Lebens erlebte er jedoch zunehmend als Entfremdung des Menschen von der Natur, was er kritisch sah. 1966 kehrte er nach Lanzarote zurück, um seine künstlerischen Ideen in einen grösseren gesellschaftlichen und landschaftlichen Kontext zu stellen. Er schuf eine konsequente Verbindung von Kunst, Architektur und Natur und verstand die ganze Insel als sein Atelier. Behutsam integrierte er seine Bauwerke in bestehende Lavahöhlen und Krater. Ebenso leidenschaftlich kämpfte er gegen ungezügelten Massentourismus und beeinflusste massgeblich die Bauvorschriften Lanzarotes: niedrige Gebäude, weisse Fassaden, traditionelle Formen und Respekt vor der Landschaft. Damit schuf er ein weltweit beachtetes Modell für nachhaltige Entwicklung, lange bevor dieser Begriff allgemein gebräuchlich war. 1992 starb César Manrique mit 73 Jahren bei einem Autounfall auf Lanzarote. Sein Einfluss prägt das Erscheinungsbild der Insel bis heute – künstlerisch, architektonisch und ökologisch.

Wir haben in unseren ersten drei Tagen auf Lanzarote bereits mehrere Werke von Manrique besucht. Als erstes sein zuvor schon abgebildetes Wohnhaus in Tahíche, in dem heute die Fundación César Manrique untergebracht ist. Gebaut wurde es in ein Netz erstarrter Lavablasen hinein – runde Hohlräume, die beim Ausbruch des Vulkans entstanden sind. Oben ein klassisch weisses, fast asketisches Architekturvolumen, aus dem man in ein unterirdisches System aus Wohnräumen hinab gleitet, die in schwarzen Lavakugeln schweben. Jede Blase hat ihre eigene Stimmung: Mal mit einem Baum, der durch die Decke wächst; mal mit einem Pool, der in der Lavahöhlung schimmert; mal mit einer Sitzlandschaft, wie ein Traum aus den 1970er-Jahren.  An diesem Ort versteht man sofort, wie radikal anders Manrique dachte.

Im Jardin de Cactus im nahe gelegenen Guatiza, nimmt Manrique die Bauten noch stärker zugunsten der Landschaft zurück. In einer alten Abbaugrube für Vulkangranulat legte er einen Kaktusgarten mit über 4000 Sukkulenten an, die sich in der schwarzen Mulde ausbreiten. Das Ganze ist terrassenförmig angeordnet, mit Wegen, die sich zwischen den Pflanzen schlängeln.

Der Ort ist still, fast meditativ. An der Art, wie Manrique die Kakteen teilweise als Solitäre platziert, merkt man sofort, dass er sich künstlerisch auch in Japan inspirieren liess.

Beim Mirador del Río ist die Landschaft, die Manrique in Szene setzen will, nicht direkt mit dem Bauwerk verschmolzen, sondern zeigt sich in der Ferne. Der Aussichtspunkt thront auf über 400 Metern Höhe an einer Felskante. Von aussen ist er kaum sichtbar – Manrique liess auch ihn tief in das Vulkangestein einbetten. Im Innenraum öffnet sich eine weite, organische Architektur mit runden Fenstern, die wie überdimensionale Augen auf das tiefblaue Meer und das Inselchen Graciosa hinaus blicken. Über die kurvige Strasse hinauf zum Mirador fuhren wir noch in strahlendem Sonnenschein, doch einmal auf der Terrasse des Aussichtspunktes angekommen, zogen vom Meer her rasch mystische Nebelschwaden auf. Für ein Foto reichte es gerade noch.

Denn schon 5 Minuten später war alles dicht und weiss.

Im Minutentakt wechselten sich in der Folge Sicht und Blindheit ab, was wirklich verblüffend war. Auf der Rückfahrt regnete es dann heftig, aber da zugleich auch die Sonne wieder schien, zeigte sich sogar noch ein Regenbogen. Diese Wetterkapriolen erleben wir schon seit wir hier auf Lanzarote angekommen sind; teilweise habe ich Fotos auf dem Handy, bei denen die Zeitstempel nur eine Minute auseinander liegen, sich aber jeweils ein völlig anderer Himmel zeigt.

Was bei Sonnenschein sicherlich am besten aussieht, sind die gleissend weissen Pools, von denen César Manrique mehrere geschaffen hat. Das Wasser schimmert im Sonnenlicht in verschiedenen Türkistönen. Hier zum Beispiel auf der Islote de Fermina, einem künstlich angelegten Inselchen in der Hauptstadt Arrecife, die öffentlich zugänglich ist und über einen Steg erreicht werden kann.

Oder auch in Manriques spektakulärstem Bau, den Jameos del Agua, die tief in vulkanische Höhlen hinein gebaut sind.

Der künstlich angelegte Pool ist hier trotz seines spektakulären Aussehens jedoch nur ein Nebendarsteller. Denn eigentlich geht es bei den Jameos del Agua um einen uralten unterirdischen Kratersee, in dem leuchtend weisse Albino-Krebse (Munidopsis Polymorpha) leben, die sonst nur im Dunkeln der Tiefsee vorkommen.

Der Künstler beliess die Höhle weitgehend roh, ohne den Ort zu zähmen. Doch Manrique wäre nicht Manrique, wenn er nicht auch hier inmitten der Schlichtheit noch einige überraschende Akzente setzen würde. So erstreckt sich in den Kraterblasen unter anderem ein Restaurant über mehrere begrünte Ebenen.

Und sogar einen Konzertsaal hat Manrique in diese Vulkanhöhle hinein gebaut. Die rohe Lavaarchitektur verleiht dem Saal eine überraschend klare Akustik und eine fast meditative Atmosphäre. Jeweils am Freitag kann man in diesem aussergewöhnlichen Kulturraum ein Abendessen mit Konzert buchen, und dabei die Jumeos del Agua auch bei Nacht erleben. Leider ist dies jedoch über die Festtage nicht möglich. Bei allen Stätten Manriques empfiehlt es sich übrigens, früh morgens direkt zur Öffnungszeit vor Ort zu sein, wenn es noch etwas weniger Leute hat, da sie natürlich äusserst effektive Touristenmagnete sind.

Neben diesen ikonischen Monumenten hat César Manrique auch weniger spektakuläre Skulpturen und Bauten geschaffen. Mehrere seiner Kunstwerke zieren zum Beispiel Strassenkreisel. Und ganz erstaunt haben wir festgestellt, dass auch die sehr gut gepflegte Ferienanlage Los Molinos, in der unser Apartment liegt, von Manrique gebaut wurde. Typischerweise sind auch hier die strahlend weissen Häuschen umgeben von bepflanzten Inseln mit schwarzem Vulkansand. Und natürlich liegt im Zentrum des Ganzen ein organisch geformter, gleissend weisser Pool mit türkisfarbenem Wasser…

Ohne César Manrique wäre Lanzarote niemals die Insel, wie sie sich heute zeigt. Einerseits würden natürlich seine charakteristischen Kunstwerke fehlen, die – zumindest für mich – einen sehr grossen Reiz von Lanzarote ausmachen. Und ohne seinen unermüdlichen Kampf für landschaftsverträgliche und harmonische Architektur, wären wohl auch hier die Küstenorte wie vielerorts verschandelt mit Betonburgen und Hochhäusern, wovon Lanzarote verschont blieb. Der Dank hierfür gebührt César Manrique – en uhuara Schpinner, aber en geila Siech!

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