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Riehen 🇨🇭
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Die 1929 geborene – und mit ihren 96 Jahren noch immer aktive – japanische Künstlerin Yayoi Kusama begeistert mich schon seit vielen Jahren. Auf unseren Japanreisen haben wir immer mal wieder Werke von ihr gesehen – am eindrücklichsten wohl auf der Kunstinsel Naoshima, wo mehrere ihrer legendären gepunkteten Riesenkürbisse stehen.

Ein solcher findet sich auch in der aktuellen Kusama-Retrospektive der Fondation Beyeler, die Jalscha und ich heute besucht haben.


Die schwarzen Punkte, „Polka Dots“ genannt, finden sich aber nicht nur auf Kürbissen, sondern auch auf anderen Formen.

Im Untergeschoss der Ausstellung schlängeln sie sich – für einmal gelb auf schwarz – als riesige gepunktete Tentakelgebilde, wie Oktopusarme durch den Raum, was sie besonders faszinierend wirken lässt.



Die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Atelier organisierte Ausstellung im Beyeler Museum gewährt einen gesamtheitlichen Einblick in Kusamas, sieben Jahrzehnte umspannendes, künstlerisches Schaffen. Gezeigt werden sowohl ikonische Werke als auch ältere Arbeiten, die in Europa noch nie zu sehen waren. Damit unterstreicht die Ausstellung die Vielfalt der künstlerischen Medien, mit denen Kusama im Laufe der Jahre gearbeitet hat, darunter Malerei, Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Collagen, Happenings, Live-Performances, Mode und Literatur.




Die berühmten Punkte, die später ihr Markenzeichen werden sollten, tauchten bereits sehr früh auf. So zum Beispiel auch auf dem ältesten Bild in der Beyeler-Ausstellung, der gepunkteten Skizze eines Mädchens, die Yayoi Kusama 1939 im Alter von 10 Jahren gezeichnet hat. Bereits als Kind erlebte Kusama wiederholende Muster und Formen als optische Halluzinationen.

Betrachtet man die gefleckten Bilder von Kusama genau, merkt man, dass sie oft auch nicht aus Punkten (Dots) bestehen, die auf eine andersfarbige Fläche aufgemalt sind, sondern stattdessen aus gemalten Netzen (Nets), durch welche der Hintergrund durchscheint.
In den 1950er-Jahren verliess Kusama Japan auf Anraten ihres Psychiaters Japan und damit auch ihre schwierigen Familienverhältnisse. Sie zog nach New York – damals das pulsierende Zentrum der Nachkriegskunst. Hier stand sie in Kontakt mit der Künstlerin Georgia O’Keeffee und entwickelte ihre Netzbilder zu „Infinity Nets“ weiter – grossformatige, monochrome Gemälde, deren dicht gesetzte Pinseltupfer wie filigrane Wellen über die Leinwände gleiten.

Diese endlos sich wiederholenden Muster beschrieb Kusama als Visionen – Formen, die sich ausbreiteten und sie zugleich beunruhigten und beflügelten. Kunst wurde für sie ein Weg, diese inneren Bilder zu ordnen und ihnen eine Form zu geben.
Doch Kusama wollte nicht nur Bilder erschaffen, sie wollte die Grenzen zwischen Kunst und Leben auflösen. Es entstanden performative Happenings, Körperbemalungen und Installationen, die Räume in psychedelische Traumlandschaften verwandelten.

In den 1970er-Jahren kehrte Kusama nach Japan zurück und entschied sich aufgrund ihrer fortdauernden Halluzinationen und einer suizidalen Krise freiwillig für den Umzug in eine psychiatrische Klinik in Tokyo, wo sie bis heute lebt und arbeitet.
Von diesem ruhigen, klar strukturierten Ort aus entwickelte sie in den letzten Jahren einige ihrer stärksten Arbeiten – darunter die spiegelnden Infinity Rooms, die heute weltweit Besucher in ihren Bann ziehen. Ein solcher ist auch im Park des Beyeler Museums aufgestellt und kann jeweils von maximal 3 Personen für 30-60 Sekunden betreten werden. Fotografieren darin ist jedoch sehr herausfordernd, weshalb ich hier stattdessen ein Plakat davon zeige.


Ebenfalls im Aussenraum bezaubern silberne Kugeln, die vom Wind sanft über den Teich geblasen werden, der direkt an das Museumsgebäude anschliesst.

Was Kusama so einzigartig macht, ist die Verbindung aus verletzlicher Innenwelt und formaler Konsequenz. Ihre Werke sind farbig und fröhlich, doch nie oberflächlich. Sie erzählen vom gleichzeitigen Wunsch nach Verbindung und nach Selbstauflösung. Wer sich darauf einlässt, spürt, dass Kusama nicht nur Kunst schafft – sie öffnet Portale in ihre ganz eigene Wahrnehmung. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler bietet eine wundervolle Gelegenheit, um in die Welt dieser faszinierenden Künstlerin einzutauchen.
