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Milano 🇮🇹
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Abseits der geschäftigen Strassen und eleganten Boutiquen Mailands öffnet sich im Süden der Stadt eine ganz andere Welt: Das Viertel Navigli. Hier, wo das Wasser ruhig zwischen alten Mauern fliesst, lässt sich noch spüren, dass Mailand einst eine Stadt der Kanäle war.

Die beiden Kanäle Naviglio Grande und Naviglio Pavese sind die Reste eines hochentwickelten Kanalsystems und gehören zu den ältesten technischen Meisterwerken Norditaliens. Schon im 12. Jahrhundert begann man, das Gebiet rund um Mailand mit einem System aus künstlichen Wasserwegen zu durchziehen. Ursprünglich dienten sie der Bewässerung der Felder in der Lombardei, bald aber auch dem Transport von Waren und Baumaterialien. Über die Jahrhunderte entstand so ein weit verzweigtes Netz von über 150 Kilometern Länge, das Mailand den Zugang zum Meer ermöglichte, und die Stadt auch mit den Flüssen Ticino, Adda und Po verband. So kam der Marmor für den Bau des Mailänder Domes direkt vom Piemontesischen Ufer des Lago Maggiore, über den Ticino und die Kanäle, bis mitten ins Zentrum der Stadt. Im 19. Jahrhundert erreichten die Navigli ihre Blütezeit: Schiffe brachten Wein, Getreide und Stein in die Stadt, während andere Waren in die lombardische Ebene hinausfuhren. Doch mit dem Aufkommen der Eisenbahn und dem Bau neuer Strassen verlor das Kanalsystem seine wirtschaftliche Bedeutung. In den 1930er-Jahren wurden viele Wasserläufe zugeschüttet – ein Verlust, den viele Mailänder bis heute bedauern.
Rund um die beiden verbleibenden Kanäle hat sich ein urbanes Ökosystem entwickelt, in dem Geschichte, Kunst und Alltag aufeinandertreffen: Werkstätten in alten Bootshäusern, kleine Galerien, Cafés und Bars direkt am Wasser, wo auch wir für einen ersten Imbiss einkehrten und uns vom ganz besonderen Charme des Quartiere Navigli verzaubern liessen.



Das Wetter an diesem ersten Nachmittag unseres Aufenthalts zeigte sich von seiner besten Seite und fühlte sich überhaupt nicht novemberlich an. So spazierten wir weite Strecken und kamen auf dieser Tour an vier der sechs grossen Tore Mailands vorbei: Porta Venezia, Porta Romana, Porta Genova und Porta Ticinese. Diese Tore waren einst Ein- und Ausgänge durch die Stadtmauern, kontrollierten den Handel und dienten als Zollstationen. Doch nicht alles liess sich zu Fuss erkunden, sodass wir natürlich auch die Metro nutzten. Hier kam es zu einer witzigen Begegnung mit einem Mailänder der extrovertierten Art, der mitten in einem Metrowagen mit laut dröhnender Soundbox und Mikrophon italienische Hits der 80er zum Besten gab, wie das folgende Video zeigt (das nur in der nicht mobilen Ansicht geschaut werden kann):
Nach einer kurzen Pause im Hotel zogen wir abends nochmals los – ohne Ziel aber mit der Absicht, die Gegend, in der unser Hotel liegt, etwas besser kennen zu lernen, da diese ebenfalls über malerische Ecken verfügt.

Weit kamen wir dabei allerdings nicht – genauer gesagt genau bis zu diesem hübsch bemalten Rollladen eines Geschäfts an der Via Malpighi, den ich fotografierte.

Hier sprach uns ein älterer Mann an, der sich als Bewohner dieses Hauses vorstellte und uns fragte, ob wir auch den Innenhof und die Eingangshalle des Gebäudes besichtigen möchten. Sabina und ich blickten uns an, folgten ihm etwas zögerlich hinein – und waren dabei nicht vollständig davon überzeugt, dass wir dieses monumentale Jugendstilgebäude jemals wieder lebend verlassen würden, nachdem sich schwere Eichentüren und schmiedeiserne Gitter hinter uns geschlossen hatten. Unsere Bekanntschaft stellte sich jedoch als freundlicher, interessanter, aber durchaus auch etwas verschrobener Zeitgenosse heraus. Er führte uns in die eindrückliche Eingangshalle und das grosszügig angelegte Treppenhaus mit sechseckigem Grundriss, Marmorstufen und schmiedeeisernen Geländern.

Doch damit nicht genug, denn als nächstes sollten wir den – tatsächlich sehr sehenswerten – hölzernen Aufzug gezeigt bekommen und wurden dann auch in die Wohnung eingeladen, wo ich aus Respekt natürlich nicht mehr fotografierte. Diese war im genau passenden Stil mit altem Mobiliar und Stoffen, einer Umenge von Bildern, Büchern, Pflanzen und Erinnerungsstücken der Eltern und Grosseltern unseres Gastgebers eingerichtet. Er erzählte uns von seiner im Sommer verstorbenen Frau, vor allem aber auch noch mehr über dieses spezielle Wohnhaus „Guazzoni“, das 1904-1906 von Giovanni Battista Bossi errichtet wurde.

Meine spätere Recherche hat ergeben, dass wir im Zuhause von Michele Sacerdoti gelandet waren, einer lokalen Persönlichkeit Mailands. Wir wurden gebeten, uns in einem Gästebuch zu verewigen und unsere Mailadressen anzugeben, damit wir auf Micheles Liste seines Weihnachtsmailversands aufgenommen werden konnten. Dabei haben wir festgestellt, dass wir bei Weitem nicht die ersten Touristen waren, die in Micheles Wohnung eingeladen worden sind; das Buch war voll mit Einträgen von beeindruckten Besuchern aus aller Welt. In unzähligen Sprachen und Schriften drückten die Gäste ihre Bewunderung für das Haus und ihre Zuneigung zum sympathischen Gastgeber aus. Für uns war die Tour aber damit noch lange nicht abgeschlossen. Michele begleitete uns wieder zurück auf die Strasse, wo er seine Führung kreuz und quer durchs Quartier fortführte. Er zeigte uns einen Magnolienbaum, den er und seine Frau vor 50 Jahren gepflanzt hatten und rügte junge Leute, die ihren Abfall in seinem Viertel auf die Strasse geworfen hatten. Als er uns ein altes Kinogebäude zeigte, hatte er prompt dessen Grundriss auf seinem Handy und führte uns durch ein verwinkeltes Treppenhaus auf die Dachterrasse hinauf, die über dem Filmvorführsaal liegt. Obwohl das alles sehr interessant war, wurde es uns irgendwann auch etwas zuviel, und unsere Köpfe schwirrten von den unermüdlichen Erzählungen, die in horrendem Tempo und natürlich vollumfänglich in italienisch erfolgten.
Durch diesen überraschenden, amüsanten und etwas skurrilen Abstecher war die Zeit rasch fortgeschritten, und wir trotteten anschliessend auf direktem Weg zurück ins Hotel, um den ersten Tag unserer Auszeit alla Milanese müde und zufrieden abzuschliessen.
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Liebe Flurina, wundervolle Geschichte der Hausbesichtigung durch den Signore! Was für ein Geschenk!