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De Haan aan Zee 🇧🇪
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Am Anfang der Reisepläne nach Flandern stand eine TV-Doku, in welcher die „Kusttram“ vorgestellt wurde; eine Tramlinie, die sich über die gesamten 65 Kilometer der belgischen Nordeeküste erstreckt – von Knokke Heist nahe der Niederlande bis nach De Panne an der französischen Grenze. Dazwischen gibt es 68 Haltestellen, die teilweise in städtischen Gebieten wie Oostende oder Zeebrugge liegen, teilweise in kleinen Seebädern, wie z.B. unserer Feriendestination „De Haan aan Zee“, und teilweise auch einfach irgendwo im Nirgendwo zwischen Düne und Strand.

Im Sommer fährt alle 10 Minuten eine Bahn in beide Richtungen. Einheimische und Touristen fahren damit zum Einkaufen in die Stadt, zum Feiern in eines der Seebäder oder vollbepackt mit Kind und Kegel an den Strand. Wir kamen von Gent her mit dem Zug bis Oostende und bestiegen dort die Kusttram für unsere allererste Fahrt – und zwar prompt in die falsche Richtung! Dies fiel uns erst auf, als wir die städtische Umgebung von Oostende nach einigen Tramstationen verlassen hatten, und das Meer plötzlich irgendwie auf der falschen Seite auftauchte… So fuhren wir fälschlicherweise also zunächst einige Stationen nach Westen, wo die Kusttram tatsächlich direkt am Strand entlang fährt und die Schienen voller Sand und Dünengräser sind.


Dies ist nicht überall so, manchmal verläuft die Tramlinie auch ein paar hundert Meter im Landesinnern oder zwischendurch eben auch durch Innenstädte oder Hafenanlagen.

Den Teil der Tramstrecke, der westlich von Oostende liegt, haben wir – bis auf unsere Irrfahrt ganz zu Beginn – bisher noch nicht besucht. Hier sollen der Strand und die Dünen besonders schön und weitläufig sein. Aber auch hier gibt es, wie wir es im östlichen Teil streckenweise gesehen haben, Abschnitte, die wirklich bis zum Strand hin mit sehr hässlichen Hochhäuserzeilen zugebaut sind, was für mich in dieser grundsätzlich sehr schönen Küstengegend schockierend wirkt.
In unserem Örtchen De Haan aan Zee ist alles etwas anders – hier spürt man auch noch heute den Charme der Belle Époque.

Ende des 19. Jahrhunderts befand sich der belgische Küstentourismus in Orten wie Oostende und Blankenberge in einem regelrechten Boom. Die belgische Regierung wollte auch das beschaulichere De Haan touristisch entwickeln – allerdings mit einer ganz anderen Philosophie: kein Massenbad, sondern ein eleganter, naturnaher Kurort für gehobene Gäste. 1889 gab der Staat rund 50 Hektar Dünenland in eine Erbpacht (flämisch „Concessie“) an private Investoren. Diese Konzession war streng geregelt, und es durften keine mehrstöckigen Gebäude, sondern nur freistehende Häuser gebaut werden. Der damaligen Zeit der Belle Époque entsprechend, orientierte man sich beim Bau am anglo-normannischen Cottage-Stil: Weisse Fassaden, rote Ziegeldächer, Holzbalken und viel Grün darum herum.


In dieser Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs liessen sich viele wohlhabende Familien aus Brüssel, Antwerpen und sogar aus dem Ausland hier ihre Sommerresidenzen bauen. Mit der Eröffnung der Kusttram (damals noch als Dampftram) wurde die Anreise einfacher, und De Haan entwickelte sich zu einem ruhigen Rückzugsort für Künstler, Intellektuelle und die feine Gesellschaft.
Als die ursprüngliche Konzession 1979 auslief und die Gefahr von Hochhausbauten drohte, formierte sich Widerstand von lokalen Aktionsgruppen. Dank ihres Engagements konnte die „Concessie“ als geschütztes Dorfbild anerkannt werden. 2012 brachte der damalige Stadtrat für Raumordnung und Kulturerbe ein Projekt zur Genehmigung durch, um Besitzer mit finanziellen Anreizen zu unterstützen, historische Stilelemente originalgetreu zu restaurieren. Seither wurden Hunderte von Anträgen mit Zuschüssen finanziert, sodass das Ortsbild im Concessieviertel von De Haan auch heute noch gut erhalten besteht.

Unser Strand, der rechts und links des Städtchens von Dünen und Dünenwäldern gesäumt ist, kann tagsüber schon auch mal recht voll werden, man kann dem Trubel aber auch gut ausweichen.

Ich war zunächst überrascht, hier kein Wattenmeer anzutreffen, wie ich es an der Nordsee irgendwie automatisch erwartet hatte. Das Wattgebiet erstreckt sich gegen Westen jedoch aufgrund von Strömungen und der Topografie des Meeresbodens nur bis zur niederländischen Insel Texel, wo ich 2022 sehr tolle Ferien verbracht habe. Mit rund 4 Metern Unterschied zwischen Ebbe und Flut ist der Tidenhub hier in Belgien jedoch sogar noch grösser als am Wattenmeer, und die periodische Veränderung der Strände zu sehen, ist sehr eindrücklich. Bei auflaufendem Wasser ist das Schwimmen kein Problem, zieht sich jedoch das ablaufende Wasser vom Strand zurück, ist durchaus Respekt vor starken Strömungen geboten. Die Lifeguards sind einerseits zahlenmässig sehr gut vertreten und andererseits top aufmerksam und wachsam.



Grundsätzlich geht es aber auch am Strand belgisch gemütlich zu und her. Was ich zum Beispiel noch nie irgendwo gesehen habe, ist eine Strandbibliothek, was ich eine total coole Idee finde.

Ebenfalls noch nirgendwo sonst gesehen, haben wir die Tradition der Strandblumen. Dies ist ein Sommerbrauch, der an der belgischen Küste schon seit rund 100 Jahren existiert. Kinder basteln Blumen aus Krepp-Papier und verkaufen diese gegen „Muschelgeld“ am Strand. Beobachtet haben wir jedoch vor allem blumenbastelnde Mütter, und zwar teilweise sehr ausdauernd und mit beachtlichem Perfektionsanspruch…


Die Kusttram hat sogar eine entsprechende Sommeraktion lanciert. Kinder unter 12 Jahren, die eine Strandblume bei sich haben, benötigen kein Ticket.

Ich habe nun schon einige Male in den Beiträgen dieses Blogs die belgische Gemütlichkeit erwähnt. Gemütlich ist jedoch nicht genau das treffende Wort, um zu beschreiben, was ich meine, denn der eigentliche Ausdruck dafür ist „gezellig“. Dies lässt sich nicht 1:1 ins Deutsche übersetzen, doch vielleicht zeigt das Foto, das ich von einem kleinen Laden in Gent gemacht habe, ungefähr, was gemeint ist. Angeboten werden hier „gezellige decoratie en geschenkartikelen“. Diese bestanden in diesem Geschäft aus Dingen wie geklöppelten Zierdecken, gestickten Wandbildern und floral bemalten Tassen. Das belgische „gezellig“ ist also eher altmodisch und etwas bieder im Vergleich zum dänischen „hygge“, das auch oft mit gemütlich übersetzt wird, aber gleichzeitig sehr chic und trendig daher kommt. Beide Arten nordischer Gemütlichkeit meinen aber nicht nur etwas Äusserliches wie einen Dekorationsstil, sondern auch ein umfassenderes Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Eine besonders gezellige Veranstaltung haben wir heute Vormittag besucht, ein „Garnelenfestival“, das auf Deutsch folgendermassen angepriesen wurde:

Für eine Vegetarierin wie mich, ist es vermutlich nicht besonders naheliegend, ein Sea Food Festival zu besuchen. Was ich aber auf jeden Fall sehen wollte, sind die „Peerdevischer“; Garnelenfischer die auf ihren massigen Kaltblutpferden durch das flache Wasser reiten, um ihre Beute in die angehängten Schleppnetzen zu treiben. 2013 wurde diese alte Küstentradition von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt – sowohl wegen der Seltenheit als auch wegen des handwerklichen Könnens.
Und einmal mehr zeigte sich hier genau die zuvor beschriebene Art von belgischer Geselligkeit: Gross und Klein war auf den Beinen, alle und gaben ihr Bestes, um ihr Dörfchen Vosseslag wie angekündigt zum Pulsieren zu bringen. Dabei wirkte alles reichlich improvisiert und etwas unbeholfen, aber genau das machte es tatsächlich auch sympathisch. Dazu passend auch das Sicherheitsdispositiv, bestehend aus 3 Polizist:innen auf Velos, welche der Fest-Parade vorausgingen.

Dann der eigentliche Festzug, angeführt von einer Band, die später auch am Strand weiterspielte.

Dahinter folgte eine riesige Fischerfigur, die von zwei Helfern begleitet wurde.

Und schliesslich die berittenen Fischer, gefolgt von weiteren drei Fischern zu Fuss.

Diese Prozession bewegte sich durch das Dorf zum Strand, und wir Zuschauenden gingen hinterher.

Am Strand wurde weiter Musik gespielt.

Und schliesslich dann tatsächlich als grosser Höhepunkt die Pferdefischerei, wegen der wir eigentlich auch hergekommen waren. Es war in der Tat sehr eindrücklich zu sehen, wie diese schwere Arbeit verrichtet wurde.

Am Nachmittag hätte man den Garnelenfang dann verkocht und gemeinsam verspiesen, und später es wäre zu weiteren sehr geselligen Programmhöhepunkten, wie zum Beispiel einer Line Dance Vorführung zum Mittanzen und einem Fackelumzug gekommen. Wir aber hatten vorerst mal genug Folkloristisches erlebt und verbrachten den restlichen Tag auf dem Liegestuhl am Strand, wo ich mich zumindest der passenden Lektüre widmete.

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Wunderbarer Bericht, macht grad Lust, diese für mich total unbekannte Gegend zu entdecken. Vielen Dank Flurina