Tagesausflug nach Antwerpen

Antwerpen 🇧🇪

Antwerpen war in meiner Vorstellung eine raue Hafenmetropole, in der permanent entweder Diamanten geraubt, Drogen gedealt oder Blutspuren vertuscht werden. Was ich in vielen Krimis so gesehen und gelesen habe, hatte jedoch mit dem realen Erleben auf unserem heutigen Tagesausflug nicht das Geringste zu tun. Natürlich wird die Gefährlichkeit je nach Stadtviertel vermutlich erheblich variieren, und ich schliesse nicht aus, dass es Gebiete in Antwerpen gibt, die man besser meidet.

Meine andere Annahme war, dass es in dieser Stadt, die etwas grösser ist als Zürich, und die ebenfalls als wichtigstes Wirtschaftszentrum des Landes gilt, entsprechend geschäftig und hektisch zu und her geht. Doch das Alltagsleben in Antwerpen läuft im Vergleich zu Zürich in Zeitlupe; irgendwie so wie mit einer grosszügigen Dosis Beruhigungsmedikamenten. Vielleicht aber hatte die sehr relaxte und gemächliche Gangart der Antwerpener, die wir erlebten, auch ein wenig damit zu tun, dass die belgische Hitzewelle heute ihren Höhepunkt erreicht hat, und die Temperaturen bei weit über 30 Grad lagen.

Antwerpen ist von Gent aus in einer knappen Zugstunde erreichbar. An den kleinen Vorortsbahnhöfen dazwischen, sieht man viel unfertig Gebautes neben bereits wieder Dahinbröckelndem. In Antwerpen angekommen, steht dann der prächtige Bahnhof „Centraalstation“ in grossem Kontrast zu diesen schäbigen Eindrücken unterwegs.

Kaum vor das Bahnhofsgebäude getreten, ahnt man gar nicht, dass man direkt in das Herz eines weltweiten Milliardenhandels schlendert. Das Diamantenviertel ist ein unscheinbares Labyrinth aus Geschäften, Ateliers und unspektakulären Bürogebäuden, in denen die wertvollsten Steine der Welt den Besitzer wechseln. Seit dem 15. Jahrhundert gilt Antwerpen als Zentrum für Diamantenhandel und -schleiferei. Über Jahrhunderte prägten vor allem jüdische Händler das Geschäft, heute ist es eine bunte Mischung aus indischen, armenischen und anderen internationalen Gemeinschaften. Noch immer passieren 80 % aller Rohdiamanten weltweit irgendwann auf ihrem Verarbeitungs- und Handelsweg Antwerpen. Und natürlich gibt es hier entsprechend viele Schaufenster mit glitzernder Auslage. Das wahre Business aber spielt sich diskret hinter verschlossenen Türen ab, worauf Kameras an jeder Ecke und Sicherheitsschleusen vor vielen Gebäuden hinweisen.

Wir spazierten weiter bis zur Liebfrauenkathedrale (Onze-Lieve-Vrouwekathedraal), der grössten gotischen Kirche Belgiens, die mit ihrem 123 Meter hohen Turm schon von weitem sichtbar ist. Interessanterweise zeigte sich dann aber doch irgendwie, dass in der Geschichte Antwerpens wohl der Handelssinn wichtiger war als die Religiosität, denn steht man direkt vor der Kathedrale, ist diese plötzlich inmitten von alten Kaufmannshäusern versteckt, und wir mussten den Haupteingang richtiggehend suchen, indem wir einmal rund um die Kathedrale herum gingen, ohne dabei die Kirchengemäuer hinter den Handelshäusern überhaupt zu sehen. Im Innern zeigte mir Jalscha einen Trick, um mit dem Panoramamodus des iPhones die imposante Höhe des Kirchenschiffes abbilden zu können und dabei einen interessanten optischen Verzerreffekt zu erzielen. Es braucht etwas gymnastische Flexibilität, weil man sich weit in eine Rückwärtsstreckung hineinbiegen muss, aber nun weiss ich endlich, wofür meine Yogastunden im Alltag gut sind…

In der ganzen Kathedrale gibt es unzählige exzellent gearbeitete Schnitzereien. Auffällig ist, dass nicht nur Heilige und Kleriker abgebildet wurden, sondern auch ganz gewöhnliche Menschen aus dem Volk bei ihren alltäglichen Tätigkeiten.

Die kostbarsten Kunstwerke in der Kathedrale stammen von Peter Paul Rubens, dem berühmtesten Künstler Antwerpens. Neben seinem 1602 gemalten Bild „Die Kreuzabnahme“, hängt eine zeitgenössische Auslegung davon, die der Künstler Sam Dillemans 2018 geschaffen hat. Das Werk ist sehr eigensinnig, wurde aber mit grossem Respekt vor dem alten Meister verwirklicht. Auf diese Weise geht das 21. Jahrhundert einen Dialog mit einem der Höhepunkte des Barocks ein.

Modern ist auch das Museum aan de Strom (MAS), das im alten Hafenviertel „het Eilandje“ steht und 2011 eröffnet wurde. Früher gab es hier Speicherhäuser, Docks und Lagerhallen, bis der Hafenbetrieb sich weiter in den Norden verlagerte und das Viertel lange brach lag. Heute säumen schicke Bars, Restaurants und Wohnanlagen das Ufer, und das MAS mit seiner spektakulären Architektur und seinen coolen Ausstellungen, ist das Highlight des neuen Quartiers.

Die gewellte grüne Glasfassade ergibt im Zusammenspiel mit dem roten indischen Sandstein einen absolut faszinierenden Effekt.

Rolltreppen führen hinauf bis in den 10. Stock, und mit jeder Etage wird die Aussicht spektakulärer.

Ganz oben befindet sich eine offene Dachterrasse, die einen atemberaubenden Blick über sie Stadt bietet. Hier wird einerseits das Ausmass der Metropole sichtbar und andererseits sieht man ganz in der Nähe riesige Windräder, die Kamine der Raffinerien und Chemieanlagen im Hafenbereich und die Kühltürme des Kernkraftwerks Doel, das nur 15 Kilometer von Antwerpen entfernt liegt. Bei aller Entspanntheit, die wir bei unserem Tagesausflug heute erlebt haben, darf eben doch nicht vergessen werden: Antwerpen hat nach Rotterdam den zweitgrössten Hafen Europas, und die historisch bedeutende Kaufmannsstadt ist auch heute noch ein ganz grosser Player im Welthandel.

Vorerst haben wir nun genug Städtisches gesehen und freuen uns darauf, morgen für eine Woche an den Strand zu reisen, um endlich die Küste – und natürlich die „Kusttram“ – kennenzulernen.

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