Zweifeln und Tuckern in Gent

Gent 🇧🇪

Als wir angefangen haben, diese Ferien an der belgischen Nordseeküste zu planen, war klar, dass wir dabei auch etwas Zeit in einer der schönen Städte Flanderns verbringen wollen. Und da wir uns nicht zwischen Brügge und Gent entscheiden konnten, haben wir einfach gleich beides in unsere Reiseplanung aufgenommen. Gestartet sind wir in Gent, der grösseren und etwas weniger bekannten dieser zwei flämischen Perlen. Hier fliessen die beiden Flüsse Leie und Schelde zusammen und prägen das Stadtbild.

Gent wirkt etwas verschlafen, und am Sonntag Vormittag ist die beste Beschäftigung das Schlendern über den Blumenmarkt – wahlweise mit oder ohne Abstecher zum „blauwe Kiosk“, wo ab 11 Uhr Austern und Cava serviert werden.

Obschon es weltweit sehr viele Städte gibt, in denen es mindestens eine Universität hat, bezeichnet man nur Bestimmte davon als „Studentenstadt“, und es ist nicht ganz klar, was die Kriterien hierfür sind. Gent jedenfalls, wird in jedem Reiseführer so benannt, und ich war mir ehrlich gesagt gar nicht ganz sicher, ob ich als Hochschuldozentin meine vorlesungsfreie Sommerzeit ausgerechnet in einer Studentenstadt verbringen möchte. Unsere Unterkunft liegt ganz in der Nähe der Universität, und per Zufall stiessen wir beim Spazieren auf das Universitätsmuseum GUM. Angeschrieben war das Gebäude mit „Forum voor wetenschap, twijfel & kunst“.

Twijfel? Meinten die etwa ernsthaft „Wissenschaft, Zweifel & Kunst“ und nicht etwa „Wissenschaft, Forschung & Kunst“? Ja tatsächlich, wie uns an der Ticket-Kasse erklärt wurde, steht im Kern dieses Museums die Auseinandersetzung mit dem Zweifel als Antrieb jeglicher Forschung – oder wie man auf flämisch sagt: Zoeken naar Wahrheit beginnt beij twijfel (Suchen nach Wahrheit beginnt mit dem Zweifel). Wir waren Feuer und Flamme von diesem Konzept und schliesslich auch völlig begeistert vom Museum selbst, wo es um spannende Themen rund um Methodologie, Modellbildung, Vermessung, und damit eben immer auch um Wahrheit und Zweifel geht.

Mein ursprüngliches Gefühl, nicht ganz sicher zu sein, ob ich Lust darauf habe, in einer Studentenstadt zu sein, war durch diesen spannenden Einblick in die Wissenschaftsgeschichte wie weg geblasen – stand aber zugleich auf dem Sticker, den man sich als Eintrittsticket des GUM-Museums auf das Shirt klebte. Denn nie ganz sicher zu sein und alles in Frage zu stellen, ist die Essenz des wissenschaftlichen Denkens: Trau Dich nicht nur zu denken, sondern trau Dich vor allem auch zu zweifeln.

Apropos Studentenstadt: Gent ist aktuell sowieso nicht bevölkert von seinen Studierenden, denn diese haben natürlich ebenfalls Semesterferien, liegen also vermutlich in Italien am Strand und haben ihre Stadt uns Touristen überlassen. Doch auch ohne deren Präsenz glaube ich so langsam zu spüren, was eine Studentenstadt ausmacht: Eine durch und durch relaxte Atmosphäre sowie haufenweise kleine Cafés, Beizli, Bars und Kulturlokale. Und natürlich spezielle Angebote für Studierende wie ein Studentenheim, das – wie könnte es in Gent auch anders sein – hübsch aussieht und direkt am Wasser liegt.

Um eine Stadt, die am Wasser liegt, zu entdecken, begibt man sich am besten aufs Wasser. Die Genter selbst halten dies offenbar so, denn kaum ein Haus, vor dem nicht mindestens ein Gummiböötli – oft aber auch etwas Stattlicheres – ankert.

Und auch für Touristen gibt es mehrere Möglichkeiten, um aufs Wasser zu kommen: Verschiedene Anbieter führen geführte Schiffstouren durch, es gibt Hop-on-hop-off-Boote sowie mehrere Kajak-Verleihstationen. Entschieden haben wir uns dann aber für ein kleines Miet-Motorboot, mit dem wir einen Nachmittag lang herum getuckert sind.

Nach einigen Instruktionen hiess es „Leinen los“ für eine dreistündige Tour auf dem Fluss Leie, die – bis auf ein zugegebenermassen ziemlich waghalsiges Wendemanöver am Umkehrpunkt – recht chillig verlief.

 

Die Aussenviertel von Gent wurden mit jedem Fluss-Kilometer nobler. Meist stimmte die vermutete Preisklasse der Liegenschaften mit der Liga der Boote, die davor standen, recht gut überein.

Doch in beide Richtungen der Relation zwischen Haus und Boot gab es auch „Ausreisser“…

Auf der Rückfahrt begneten uns dann plötzlich Boote in Form von Autos, die wir zunächst ziemlich niedlich fanden.

 

Doch dann nahm einerseits deren Anzahl so stark zu, dass der Gegenverkehr ungemütlich unübersichtlich wurde. Und andererseits wurden die Fahrzeuge immer grotesker, und es kamen Boote in Form von Panzern und Lastwagen geschwommen.

Und da offensichtlich auch der Alkoholpegel auf diesen Spassbooten teilweise mehr als grenzwertig war, brauchte es auf dem letzten Teil unserer Tour dann nochmals alle Konzentration für Ausweichmanöver, da diese Pseudokapitäne ihre schwimmenden Autoscooter nicht wirklich im Griff hatten.

Gent vermag auch kulturell und kulinarisch zu überzeugen. Kulturell möchte ich auf zwei Beispiele aus der visuellen Kunst eingehen, zwischen deren Entstehung rund 1100 Jahre liegen.

Das eine, der Genter Altar, geschaffen von Jan van Eyck, wurde 1431 enthüllt und gilt als Meisterwerk der europäischen Kunst- und Kirchengeschichte. Kaum ein anderes Kunstwerk hat die Wissenschaft mehr beschäftigt, und Dutzende von Dissertationen befassen sich mit seiner Entstehung und der bewegten Geschichte durch die Jahrhunderte. Die Altarbilder wurden mehrfach geraubt, verschleppt, in Teile zerlegt verkauft, vor den Nazis versteckt, in Brüssel restauriert und schliesslich wieder nach Gent, in die Sint-Baaf Kathedraal, „repatriiert“. Der Altar besteht aus verschiedenen 20 Bildtafeln. Die äusseren davon können ausgeklappt werden, und ursprünglich bekam man die geöffnete Version nur an hohen kirchlichen Feiertagen zu sehen. An Werktagen hingegen zeigte man nur den geschlossenen Altar.

Der aufgeklappte Festtagsaltar zeigt in der oberen Reihe aussen Adam und Eva ganz nackt, was zur Zeit der Erschaffung als besondere Sensation galt. Wenn man den Altar heutzutage besichtigen möchte, empfehle ich, morgens gleich um 10.15 Uhr dort zu sein (idealerweise mit online Zeitreservation), weil man so zuerst den geschlossenen Altar sieht und dann die automatische Öffnung aller Seitenflügel beobachten kann. Dass wir genau um diese Zeit dort waren, ist zwar dem Zufall zu verdanken, aber es war jedenfalls sehr beeindruckend, die Altar-Öffnung zu erleben.

Neueren Datums sind die Kunstwerke an den Hauswänden der kleinen verwinkelten Werregarenstraat, der Grafittistrasse von Gent.

Die Bilder hier sind keine Auftragsarbeiten, sondern werden wild gesprayt und auch immer wieder neu übermalt. Ausser einem toll gemachten Drachen waren wir aber nicht sooooo begeistert von dem Ganzen.

Zum Thema Kulinarik war wiederum der Zweifel das vorrangigste Gefühl, das ich im Vorfeld dieser Ferien hatte. Ein Kollege hatte diese Befürchtungen mit einer WhatsApp Nachricht gut auf den Punkt gebracht. Als ich ihm mitteilte, dass unser Reiseziel Belgien sei, meinte er kurz und knackig: Ich hoffe, du magst Mayonnaise! Gesundheitlich bin ich im Moment etwas handicapiert und sollte sowohl auf Alkohol als auch auf fettiges Essen verzichten; der ideale Moment also, um ins Land des Biers zu reisen, wo zudem „gefritturde Happjes“ oft den grössten Teil einer Speisekarte ausmachen. Zumindest was die Biere betrifft, habe ich schnell gemerkt, dass es von fast allen belgischen Biermarken auch alkoholfreie Varianten gibt; sogar von dunklen Spezialbieren und von meinem geliebten Witbier. Und für diese erste Reise-Etappe haben sich auch bezüglich des Essens meine Zweifel in Luft (und nicht in Frittieröl ;-)) aufgelöst, da es zumindest hier in Gent, das als Vegi-Hauptstadt Europas gilt, problemlos möglich ist, sich gesund zu ernähren.

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