Tage in Tokyo

Tokyo 🇯🇵

Für die letzten drei Tage unserer Ferien sind wir nach Tokyo zurückgekehrt. Eigentlich hätten es dreieinhalb Tage sein sollen, aber wir hatten auf der Fahrt mit dem Shinkansen-Schnellzug von Hiroshima nach Tokyo mehrere Stunden Verspätung. Dies ist äusserst ungewöhnlich für japanische Züge, die zu 99% pünktlich sind – wobei wohlgemerkt, eine Abweichung von mehr als einer Minute bereits als Verspätung gilt. Aber gegen einen Böschungsbrand entlang der Geleise sind selbst die Japan Railways nicht gefeit, und ein solcher hat an diesem Vormittag praktisch das ganze Hochgeschwindigkeitsnetz auf der Hauptinsel Honshu lahmgelegt. Aber als wir dann endlich doch noch abfuhren, wuchs dafür meine Zuversicht, dass das Wetter gut genug sein könnte, um kurz nach Shizuoka einen Blick auf den majestätischen Berg Fuji erhaschen zu können. Meist ist es entweder zu diesig, um ihn vom Zug aus zu sehen oder er versteckt sich gar hinter Wolken. Dieses Mal aber hatten wir Glück, und es gelangen mir beim Vorbeirasen mit 250 km/h ein paar Schnappschüsse aus dem Zugfenster.

Wenn ich in Hiroshima gefragt wurde, wohin uns die nächste Reise-Etappe führen wird, verwendete ich nicht den Ausdruck „Tokyo ni ikimasu“ (wir gehen nach Tokyo) sondern „Tokyo ni kaerimasu“, was zurückkehren, aber insbesondere auch heimkehren meint. Und ein wenig wie heimkehren fühlte es sich auch tatsächlich an. Wir bezogen Quartier in Shinagawa, wo ich 2019 einen ganzen Monat lang ein kleines Häuschen namens Rengeso (Lotusresidenz) gemietet hatte und Renato ebenfalls für zwei Wochen mit vor Ort war. Zwar logierten wir dieses Mal in einem Hotel, statteten aber der alten „Heimat“ doch auch einen kurzen Besuch ab.

Und ein wenig grinsen mussten wir dann auch, als wir an der Bahnschranke auf dem Weg dahin, wieder einmal ewig warten mussten, wie das 2019 dauernd der Fall gewesen ist;  gewisse Dinge ändern sich offenbar nie…

Unser diesmaliges Hotel lag in praktischer Gehdistanz vom Bahnhof Shinagawa, mitten in einem schönen japanischen Garten, wo anlässlich des 70-Jahre Jubiläums des Hotels grossräumig Bambus-Lichtkunst installiert worden war.

Kaum waren wir am ersten Abend ins Hotel zurück gekehrt, zog plötzlich ein heftiger Gewittersturm mit Blitz, Donner und Hagel durch, was den beleuchteten Garten noch mystischer erscheinen liess.

Besondere Lichteffekte wurden uns auch am nächsten Tag geboten, als wir eine interaktive digitale Ausstellung der TeamLab besuchten. Im Vergleich zu meinem dortigen Besuch 2019 war die aktuelle Ausstellung bedeutend kleiner, enthielt dafür aber mehr haptische Erlebnisse und reale Elemente statt nur digitale Effekte. So watete man zum Beispiel barfuss durch eine Halle mit knietiefem warmem Wasser, auf das Blumen und Koi-Fische projiziert wurden oder legte sich in einem verspiegelten Garten unter aufgehängten richtigen Blumen auf den Boden und sah sich in den Spiegeln als Teil des Ganzen. Ab Januar 2024 plant TeamLab an einem neuen Standort (Azabudai Hills) wieder eine grosse permanente Ausstellung zu eröffnen. Ein Tipp für alle, die nächstes Jahr Japanferien planen…

Da wir etwas zu früh in der Museumsgegend waren, entschieden wir uns, noch auf dem Fischmarkt vorbei zu schauen, der vor einigen Jahren ganz in die Nähe gezogen ist. Doch was wir dort erlebten, war ein Trauerspiel! Bis 2018 war der Fischmarkt im einige Kilometer entfernten Tsukiji ansässig und eine riesige, ziemlich chaotische und gleichzeitig herrlich abenteuerliche Angelegenheit. Einkäufer, Restaurant- und Ladenbesitzer wuselten in den unübersichtlichen Hallen wild durcheinander, Händler schrien laut ihre Angebote aus, es roch nach Fisch, der Boden war nass und teilweise glitschig, und nicht jeder Anblick des feilgebotenen Meeresgetiers war tauglich für schwache Nerven. Die damaligen Markthallen waren frei zugänglich, und aus dem ursprünglichen Geheimtipp wurde mehr und mehr eine Touristenattraktion, weshalb immer mehr Neugierige in den frühen Morgenstunden zwischen den Ständen herumstolperten und den Arbeitern im Weg herum standen. Diese nahmen verständlicherweise im hektischen Tun wenig Rücksicht darauf und kurvten mit ihren Elektrowägelchen ziemlich schneidig umher, was immer mal wieder auch zu gefährlichen Situationen führte. Die berühmte Thunfischauktion morgens um 5 Uhr war ein besonderer Zuschauermagnet, weshalb hierfür die Plätze bald einmal begrenzt werden mussten. Auch wir besuchten den Tsukiji-Markt vor 15 Jahren und waren gleichermassen begeistert und überfordert.

Hygiene- und Sicherheitsbedenken, die hochgradig veraltete Infrastruktur und Platzprobleme führten zum Entscheid, dass der Fischmarkt 2018 seinen neuen Platz in Toyosu beziehen musste. Gleich bedeutend dürfte als Umzugsgrund aber auch die Tatsache gewesen sein, dass der alte Standort in Tsukiji, direkt an der Mündung des Sumidaflusses, für viele Investoren attraktive Gewinne als Bauland versprach. Der neue Standort bietet nun klimatisierte Hallen statt altertümlicher Kühlung mit geschabtem Eis, ein kühl-steriles Interieur anstelle der abgewetzten Holztische und eine hinter Glasscheiben ausgesperrte Öffentlichkeit. Dies sorgt bestimmt für einwandfreie Hygiene und effiziente Abläufe, hat aber den ganzen Charme und die Tradition von Tsukiji zerstört. Als Tourist hat man nurmehr einen optisch begrenzten, geruch- und geräuschlosen Einblick von verglasten Zuschauertribünen aus, was sich jedoch kaum lohnt.

Auch eine Halle mit Verkaufsständen und einige Sushirestaurants wirken modern und sauber aber völlig leblos. Zwar haben wir fast abgeschlossene Bauarbeiten für ein hübsches neues Restaurantareal gesehen, das pseudomässig auf alte Häuschen getrimmt ist, aber vermutlich eher ein wenig Disneyland-Charakter haben wird. Meiner Meinung nach lohnt sich ein Besuch des Toyosu-Fischmarktes also wirklich nicht. „Shōganai“ sagen die Japaner in einer Mischung von Pragmatismus und Leidensfähigkeit, wenn sie ausdrücken wollen, dass eine unliebsame Tatsache nicht zu ändern ist und wohl einfach akzeptiert werden muss. Und ein gemurmeltes Shōganai kam auch mir über die Lippen, als wir das Marktgelände in Toyosu verliessen. (Allerdings habe ich nun gelesen, dass in Tsukiji zwar der Grosshandel verschwunden ist aber durchaus noch ein Marktgelände und auch ein Restaurantareal bestehen blieb. Tsukiji könnte also zumindest im Moment durchaus noch ein attraktives Ausflugsziel sein).

Ich bin dem Modernen ja aber nicht grundsätzlich abgeneigt und wollte deshalb unbedingt das von Kishō Kurokawa entworfene, faszinierende Gebäude des National Art Center Tokyo sehen.

Ich kam tatsächlich eigentlich wegen der tollen Architektur, habe dann aber die aktuelle Ausstellung über das Lebenswerk von Yves Saint Laurent doch auch noch „mitgenommen“, wenn ich schon mal da war. Sogar ein paar Fotos habe ich gemacht, bevor ich dann diskret aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht wurde, dass dies verboten sei.

Besonders gefreut hat mich, dass ich nach vier langen Jahren endlich Miho-san wieder gesehen habe. Sie hatte damals mein englisches Gastreferat,das ich an der Ryukoku-Universtät in Kyoto gehalten habe, auf Japanisch übersetzt und mich später zusammen mit ihren Studierenden auf etliche Praxisbesuche in sozialen Organisationen begleitet. Bei ihr zuhause habe ich auch ihre Familie kennen gelernt, und gemeinsam mit ihr und ihren Töchtern japanisch gekocht. Daraus hatte sich eine schöne Freundschaft entwickelt, und wir sind seither in Kontakt geblieben. Nun bot sich die Gelegenheit, dass wir uns mit ihr und ihren beiden jüngeren Töchtern zum Nachtessen trafen und zu fünft einen wirklich tollen Abend verbrachten.

Wie immer war die Zeit in Tokyo viel zu kurz. Diese Stadt ist einfach so unglaublich riesig und vielfältig, aber durch ihr super Metro-System gleichzeitig absolut easy „bewältigbar“, dass ich hier endlos unterwegs sein könnte. Irgendwann kam aber auch in diesen Ferien natürlich der letzte Abend. Auf unseren bisherigen Japanreisen hatten wir diesen bisher immer im selben traditionell japanischen Restaurant im Ueno-Quartier verbracht, worauf wir dieses Mal aber wenig Lust hatten und stattdessen in Shinagawa blieben. In einem auf verschiedenste Mozzarellasorten und Burrata spezialisierten italienischen Restaurant liessen wir unseren letzten Ferientag bei Pizza und Moretti-Bier ausklingen und machten damit schon mal einen ersten Schritt kultureller Annäherung hinsichtlich unserer bevorstehenden Rückkehr nach Europa. Hier zeigte sich nicht nur auf dem Teller, dass Tokyo ungefähr auf demselben Breitengrad wie Sizilien liegt, sondern auch an der Temperatur, die uns ermöglichte, selbst spätabends noch ohne Jacke im Freien zu essen.

Nun also ist unsere 8. Japanreise bereits wieder Geschichte. Es hat sehr gut getan, nach vier Jahren endlich wieder einmal in unserem Lieblings-Ferienland zu sein und Augen, Ohren, Gaumen und Herz mit so viel Schönem zu füttern. Gleichzeitig waren wir schockiert über das Ausmass des (Über)Tourismus und vor allem auch über die Art und das Benehmen der „neuen Touristen“. Japan ist derzeit aufgrund des historisch schwachen Yen-Kurses für ausländische Touristen so günstig, dass es ganze Heerscharen anzieht. Dies bedeutet zugleich offenbar auch, dass viele Leute hierher kommen, die sich im Vorfeld nicht mit dem Land und den hier herrschenden Gepflogenheiten auseinander setzen, oder denen dies vielleicht auch einfach egal ist. Absolut unpassende Kleidung und Verhalten in religiösen Stätten, wie Tempeln oder Schreinen, habe ich im Beitrag über Miyajima schon erwähnt. Aber auch im ganz normalen Alltag störten mich die vielen lauten und vorlauten Drängler, nackte Achselpartien, die einem in dicht gedrängten U-Bahnwagen ins Gesicht gehalten werden, wo es Japaner selbst in den Stosszeiten schaffen, immer einen Wohlfühlabstand beizubehalten und Leute, die ihren Abfall einfach irgendwo liegen lassen, weil es hier im öffentlichen Raum nun einmal fast keine Mülleimer gibt und es üblich ist, seinen Abfall für die Entsorgung nach Hause oder halt ins Hotel mitzunehmen. Natürlich ist es gegenüber unseren ersten Japanreisen Mitte der Nullerjahre angenehm, dass heutzutage viel mehr auf Englisch beschriftet ist und man dadurch mehr Orientierung hat. Dass es aber offenbar sogar notwendig ist, dass man als Tourist in Restaurants englische Zettel in die Hand gedrückt bekommt, wo man gebeten wird, pro Person ein Gericht zu bestellen, statt sich aus Geiz zu dritt eine Nudelsuppe für ein paar Franken zu teilen, zeigt ebenfalls auf, wie sich gewisse Ausländer offenbar aufführen. Obschon wir auf unserer Route die grossen Touristenmagnete wie Kyoto oder die Fuji-Region vermieden hatten, haben mir die Menschenmengen an den wenigen touristischen Hotspots, die wir besucht haben, mehr als nur gereicht. Ich weiss, dass ich selbst natürlich auch eine Touristin bin, aber wenigstens versuche ich, die in Japan üblichen Verhaltensweisen zu respektieren und somit zumindest nur in quantitativer Art Teil des Problems Übertourismus zu sein. Es bricht mir ehrlich gesagt ein wenig das Herz, dass mir ein paar – oder leider eben viel mehr als nur ein paar – Deppen mein „gutes altes“ Japan gestohlen haben, und ich kann dies auch nicht mit einem seufzenden „Shōganai“ akzeptieren, wie es vielleicht den Japanern selbst gelingen mag. In diesem Sinne またね (bis zum nächsten Mal) Japan, wobei ich paradoxerweise fast schon hoffe, dass sich mein Lieblingsland bis dahin wieder so verteuert, dass die Touristenhorden dadurch etwas gemässigt werden, weil ich leider keinen anderen Weg wüsste, wie das sonst gelingen könnte.

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3 thoughts on “Tage in Tokyo

  1. Vielen Dank für den schönen Abschlussbericht. Sehr spannend zu lesen und wie immer tolle Fotos. Gute Heimreise euch 🍀🇯🇵

  2. Oh wie schade, ich hätte noch viele Tage und Wochen mit euch durch das Land reisen können…;) Danke dir herzlich fürs teilen, erzählen und fotografieren. Auch wenn ich mir so gar nicht vorstellen kann, wie es da ist, einen Hauch einer Ahnung habe ich erhalten, insbesondere auch vom letzten Abschnitt. Kommt gut zurück.

  3. „Tokyo ni kaerimasu“ dachte ich oft beim Lesen dieser Reiseberichte, die ein wenig Heimweh nach Japan weckten. Danke, dass ich quasi im Gepäck bzw. am Bildschirm ein wenig mitreisen durfte.

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