A once in a lifetime place

Miyahama Onsen 🇯🇵

Dieser Blogbeitrag wird an einem sehr speziellen Ort verfasst:

Das Ryokan Sekitei, in dem wir die letzte Nacht verbrachten, habe ich irgendwann in den Jahren der Corona-Pandemie im Internet entdeckt und sofort gedacht, es wäre schön, einmal an diesem zauberhaften Ort zu sein.

Dass es nicht wie viele solcher aussergewöhnlicher Gasthäuser irgendwo weit abgelegen in der Pampa liegt, sondern praktisch vis-à-vis der Insel Miyajima, unweit von Hiroshima, machte diese Idee noch verlockender. Aber ausser der Tatsache, dass man zu jenem Zeitpunkt pandemiebedingt gar nicht ins Ausland reisen konnte, sprach auch der Übernachtungspreis dieses exquisiten Hauses dagegen. Inzwischen ist die Welt – zumindest was Covid betrifft – soweit genesen, dass wir nun endlich wieder nach Japan reisen konnten, und zugleich ist der Yen-Kurs in den letzten beiden Jahren förmlich zerbröselt, sodass es plötzlich doch realistisch wurde, hier für eine Nacht einzuchecken.

Die Anlage besteht aus einem Haupthaus mit dem Restaurant, einer Lounge, den heissen Quellbädern (Onsen) und einigen einfacheren Gästezimmern. Rund um einen grossen Koi-Teich als Zentrum, sind mehrere Gästehäuschen im traditionellen japanischen Baustil angeordnet, die durch klug angelegte Architektur trotz enger Verschachtelung eine grosse Privatsphäre bieten.

Wenn schon, denn schon, dachte ich mir und buchte das Häuschen an bester Lage direkt am Koi-Teich und mit einem eigenen heissen Quellbad.

Selbstverständlich ist an einem solchen Ort auch das Essen aussergewöhnlich gut. Nebst vielen anderen Dingen, die wir sonst noch nirgendwo aufgetischt erhalten haben, bestand ein Gang aus einem Körbchen mit typischen Herbst-Leckereien, die als essbare Dekoration einen kleinen Reiszweig enthielt, wo die einzelnen Körner zu Popcorn bzw. eben zu Popreiss aufgepufft worden waren, die man mit den Zähnen vom Zweig streifen konnte. 

Das Frühstück war ebenfalls ausserordentlich fein und so reichhaltig, dass trotz Weitwinkelobjektiv nicht alles auf dem Foto Platz hatte.

Die Mahlzeiten bekamen wir in den eigenen vier Wänden serviert, und da wir auch das eigene Onsenbad hatten, fühlte sich der Aufenthalt für uns fast ein wenig so an, wie wenn das Häuschen und der Garten für 24 Stunden unser Privatreich wäre (wo wir natürlich auch Aufgaben, wie z.B. das Füttern der Kois, übernahmen ;-)

Gleichzeitig sind wir uns natürlich aber bewusst, dass dies ein Ort ist, den wir wohl einfach einmal im Leben geniessen durften und umso kostbarer war jede hier verbrachte Minute für uns. Auch abends zeigte sich die Anlage romantisch, und die elektrische Beleuchtung wurde mit brennenden Holzfackeln ergänzt.

Nach dem Erwachen, zeigte sich der Himmel über der Inlandseee voller Wolkenflöckchen, was bezaubernd aussah. 

Und auch der morgendliche Blick auf den taufrischen Hotelgarten war eine Augenweide. Statt mit einem Foto möchte ich diesen beschreiben, indem ich eine andere Bloggerin zitiere:

Garten an einem Herbstmorgen
Über die Chrysanthemenblätter sind unzählige Tautropfen gestreut.
An den Hecken und Gartentörchen hängen noch zerrissene Spinngewebe,
und an ihren Fäden sind silberne Perlen  aufgereiht.
Es wird Tag, und die sich verbeugenden Süsskleezweige
heben ihre Köpfe einer nach dem anderen erleichtert auf,
weil der Tau auf den Blättern schon getrocknet oder gefallen ist.
Es ist für mich interessant, zu denken,
dass solche für mich interessanten Beobachtungen
für andere nicht interessant sein könnten.

Diese Zeilen hat nicht irgend eine Bloggerin geschrieben sondern die vermutlich allererste überhaupt. Denn irgendwann zwischen 950 und 1000 n.Chr. erhielt die japanische Kaiserin Fujiwara no Sadako von ihrem Bruder einen dicken Stoss Papier erlesener Qualität, wusste aber nicht, was sie damit anfangen sollte. „Ich würde daraus ein Kopfkissen machen“, meinte daraufhin ihre Hofdame Sei Shonagon. Unter dem Begriff Kopfkissen verstand man damals ein Notizbuch, in das man alles niederschrieb, was man sonst nur seinem Kissen anvertrauen würde. „So soll es sein“, meinte die Kaiserin und schenkte ihrer Hofdame das wertvolle Papier. Nicht wie die gelehrten Männer in komplizierten chinesischen Schriftzeichen, sondern in der einfacheren und populären Kanaschrift verfasste Sei Shonagon in der Folge in ihrem Kopfkissenbuch (jap. Makura no Sōshi, 枕草子) gut 300 Anekdoten und Geschichten, die den Alltag am kaiserlichen Hof pointiert beschrieben. Voller Witz und Scharfsinn, im Plauderton und oft mit dezidierter Meinung geht es dabei um Mode, Macht und Müssiggang. Zunächst nur für sich selbst gedacht, wurden die Notizen schliesslich doch auch von vielen adligen „Followern“ gelesen und bewundert. In Europa wird das Kopfkissenbuch seit dem späten 19. Jahrhunderts rezipiert; in Peter Greenaways Film „Die Bettlektüre“ finden sich häufige Zitate daraus, und auch in Hanns-Josef Ortheils Roman „Liebesnähe“ spielt Sei Shonagons Kopfkissenbuch eine besondere Rolle. Darüber hinaus gilt das Werk jedoch auch als sehr wichtiges wissenschaftliches Artefakt für die Forschung zur höfischen Lebenswelt in der Heian-Zeit. Auf unserer Reise begleiten mich die Beiträge dieser „Mutter aller Bloggerinnen“ in der soeben erschienenen und wunderschön aufgemachten deutschen Neuauflage.

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2 thoughts on “A once in a lifetime place

  1. Aus Erlebnissen, Fotos, Informationen und Geschichten webst Du einmal mehr ein Stimmungsbild, das mich fasziniert und ein wenig nach Japan entführt. Danke

    1. Danke für Mitnehmen an diesen wunderschönen Ort und schön konntet ihr es bei schönem Wetter geniessen 😍

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