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Atami 🇯🇵
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Etwas früher als ursprünglich geplant, haben wir Tokyo heute fürs Erste verlassen, um auf unserer Reise nach Kobe noch einen Zwischenhalt in Atami einzulegen. Nur 40 Minuten benötigte der Shinkansen-Schnellzug für diese Strecke.

Der Name Atami (熱海) bedeutet wörtlich übersetzt „heisses Meer“ und rührt von den temperierten salzhaltigen Quellen her, die Atami schon in der Nara-Zeit (710–794 n.Chr.) als Badeort berühmt gemacht haben.
In der Edo-Zeit, um das Jahr 1600, war der Shogun Tokugawa Ieyasu von den Heilkräften des Wassers aus Atami sogar so überzeugt, dass er es nach Edo – dem heutigen Tokyo – bringen liess. Noch einiges später, ca. ab den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Wasser aus Atami nicht mehr nach Tokyo gebracht, sondern wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, reiste am Wochenende aus der Stadt hierher an die Küste. Ein Bauboom sondergleichen verschandelte die steilen Klippen Atamis zunehmend mit viel Beton und wenig architektonischem Gespür. Der Badeort wurde immer populärer und immer nobler, bis anfangs der 1990-er Jahre auch in Japan die ökonomische Blase platzte. Plötzlich fehlte den Firmen in Tokyo das Geld für teure Business-Weekends in Atami, und auch Privatpersonen mussten den Gürtel enger schnallen und auf solche Ausflüge verzichten. Die brach liegende Infrastruktur konnte nicht mehr unterhalten werden, und bröckelte in der salzigen Meeresluft zügig vor sich hin.

Seit einigen Jahren wird nun versucht, den Tourismus in Atami neu zu beleben, aber die Kosten hierfür sind immens, Japans Wirtschaft schwächelt nach wie vor, und die Pandemiejahre haben ihren Teil an die Schwierigkeit dieses Vorhabens beigesteuert.
Die fast schon schmerzhafte Hässlichkeit des bebauten Atami wird noch verstärkt durch den krassen Kontrast zur wunderschönen Natur und dem fantastisch wilden Meer, von dem es umspült wird.


Auch unser Hotel „New Akao“ hat die typische Historie Atamis durchlaufen. Es ist ein riesiger Komplex aus zwei Haupt- und vielen Nebengebäuden, der 1973 an einen wunderschönen Klippenabschnitt, direkt unter der Burg von Atami, geklebt wurde.


Am prunkig-plüschigen Stil der unzähligen Salons und Lounges lässt sich leicht ablesen, wie mondän es hier einmal zu und her gegangen sein muss.


Doch auch für dieses Hotel war Ende 2021 Schluss; es war finanziell unmöglich geworden, das mittlerweile tüchtig angestaubte Haus durch die Corona-Lockdowns hindurch in Schuss zu halten. Überraschenderweise fand sich jedoch bereits im 2022 ein neuer Investor. Inzwischen wurden die Zimmer im oberen der beiden Gebäudeflügel – wo auch wir untergebracht sind – modernisiert, doch insgesamt muss es unglaublich aufwändig und geldverschlingend sein, eine solche Immobilie aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken.
Die Diskrepanz, vom Design her um 50 Jahre in die Vergangenheit katapultiert zu sein und gleichzeitig das Marode der Gegenwart zu spüren, hat uns im ersten Moment befremdet. Mit dem Blick aus unserem Zimmerfenster aufs offene Meer hinaus und dem Rauschen der Wellen sind wir nun jedoch angekommen und lassen uns ein auf diese etwas schräge Erfahrung.

Das Befremdende wird auch dadurch noch verstärkt, dass das Personal hier kaum Englisch spricht, und mein eh schon bescheidenes Japanisch in den letzten vier Jahren ebenfalls etwas marode geworden ist. Das führt zu durchaus amüsanten Missverständnissen, wie etwa, dass mein gewünschtes vegetarisches Mittagessen aus einem Salatbuffet bestand, zu dem ich jedoch erst dann zugelassen wurde, nachdem ich zuvor eine riesige Schüssel Reis mit Thunfisch verputzt hatte, weil mir bei der Bestellung mitgeteilt wurde, dass es nur eine Auswahl zwischen Fleisch und Fisch gebe.
Das Nachtessen – auch nicht vegetarisch aber auf meinen Wunsch hin zumindest fleischlos – war ein grossartiges Kaiseki-Menu, das es im entsprechenden Ranking all unserer Japanreisen in die Top 5 geschafft hat. Wir haben keine Ahnung, was wir alles gegessen haben, weil es das ausgedruckte Menu nur in Japanisch gab und die versuchten Erklärungen dazu eher abenteuerlich waren.


Ein schöner Zufall zudem, dass das Hotelrestaurant „Maisen“ heisst. Dies bezeichnet den Fächer einer Tänzerin, und die entsprechenden Schriftzeichen 舞扇werden von mir selbst als Signaturname für meine Kalligraphien genutzt, weil mein Nachname „Meisen“ gleich ausgesprochen wird.
Das Frühstück bestand klassisch japanisch aus Reis, Misosuppe, eingelegtem Gemüse und einem knusprig gebackenen Fisch, wie ihn Renato besonders liebt.

Mit dem YuYu-Rundtourbus klapperten wir am nächsten Tag die Sehenswürdigkeiten rund um Atami ab.

Am besten gefallen hat uns der Kinomiya-Schrein, wo angeblich Japans zweitältester Baum steht, und man gesegnete Glücksbringer für jede erdenkliche Lebenssituation kaufen kann.


Nun machen wir uns auf nach Kobe, und sind gespannt, was diese Stadt – ausser dem berühmten Rindfleisch – zu bieten hat.
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Das ist ja mal ein Kontrastprogramm und schön werdet ihr in Japan immer noch überrascht 😉