Eingekapselt in Kyoto

Kyoto 🇯🇵

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In Japan verbreitet sind sogenannte Kapselhotels, bei denen man anstelle eines ganzen Zimmers nur eine kleine Schlafkoje mietet. Dieses für Nicht-Japaner etwas befremdliche Konzept spart den Betreibern Platz und somit den Gästen Geld, da das Mieten von zwei Quadratmetern Matratze natürlich relativ günstig zu haben ist. Da wir bisher in Japan immer als Paar unterwegs waren, wäre eine solche Art der Übernachtung für uns nie in Frage gekommen. Die 3 Nächte Single-Aufenthalt in Kyoto boten mir nun aber die Chance, dieses Experiment zu wagen.

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Wer allerdings meinen Beitrag zum Ausflug nach Kamakura gelesen hat, weiss um mein Unwohlsein in Höhlen und wird verstehen, dass ich mir deshalb eine Premium-Kapsel gemietet habe, die einen kleinen Vorraum mit Tisch, Stuhl und abschliessbarem Schränkchen hat, sodass man die Schlafkoje nicht verschliessen muss, um ein wenig Privatsphäre zu haben.

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Da mein Vorraum aber nur mit einem Vorhang vom restlichen Saal abgetrennt war, hatte ich Bedenken, ob es wohl bei so vielen Schlafkapseln nicht zu laut sein würde. Zu meinem grossen Erstaunen war es dann aber rund um die Uhr so still wie in einem Zen-Kloster, weil jedermann (bzw. jedefrau, da das Ganze geschlechtergetrennt ist) natürlich auf die anderen Rücksicht nimmt und weder redet noch sonst irgendwelche störenden Geräusche macht.

WC und Duschen sind gemeinschaftlich, aber es gab eine sehr schöne Bäderlandschaft mit heissen Wasserbecken (Onsen) innen und auch draussen im Garten. Und selbstverständlich standen wie in allen Bäderhotels in Japan jegliche Pflegeprodukte, Zahnbürsten, Haarbürsten und Pyjamas kostenlos zur Verfügung, sodass man also eigentlich mit nichts als dem Handtäschchen anreisen kann.

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Besonders witzig war, dass es auf der Terrasse des Hotelrestaurants auch ein warmes Fussbad mit (künstlichen) Herbstblättern drin hatte, wo man abends mit einem Drink oder morgens beim Frühstück die Füsse tunken kann.

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Insgesamt bin ich ehrlich gesagt mit dem Konzept Kapselhotel nicht wirklich warm geworden, kann es nun aber zumindest auf meiner „Experimenteliste“ abhaken.

Natürlich wollte ich ja aber sowieso so viel Zeit wie möglich ausserhalb des Hotels verbringen. Mit den beiden Doktorandinnen Miho und Ji zog ich los zum Sightseeing und Shopping.

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In einem anderen Blog-Beitrag hatte ich erklärt, dass mein Nachname „Meisen“ phonetisch mit den Kanjizeichen für Tanz (舞) und Fächer (扇) geschrieben werden kann. Zufälligerweise entdeckte dann Ji in einer Ladenpassage einen Fächerladen mit dem Namen Maisen-do (舞扇堂), was nichts anderes als „Tanzfächer-Laden“ bedeutet. Hier kann man Fächer mit seinem Namen gravieren lassen. Miho wollte mir einen solchen unbedingt schenken, und die Belegschaft staunte nicht schlecht, als sie nach meinem Namen fragten und schliesslich einfach den Namen des eigenen Geschäftes auf den Fächer gravieren konnten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA5E7342AC-5B2F-4930-A31B-F18695FBA900Zum Nachtessen stiess dann auch der Kollege Prof. Kurita wieder zur Runde, und wir verbrachten einen total lustigen Abend mit einer Unmenge von Essen, Bier und Sake.

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Am Freitag besuchte ich den Heian-Schrein in Kyoto.

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Da an diesem Tag das 七五三-Fest stattfand, hatte ich eigentlich erwartet, viele Kinder in Festtags-Kimonos fotografieren zu können. Die Zeichen 七五三 stehen für die Zahlen 7 (shichi), 5 (go) und 3 (san). Die Bedeutung dieser drei Altersstufen stammt noch aus dem Mittelalter. Damals liess man in den Samurai-Familien Kindern ab 3 Jahren die Haare wachsen, die bis dahin rasiert wurden. Knaben trugen mit 5 Jahren zum ersten mal Hakama-Hosen, und 7-jährige Mädchen bekamen erstmals einen Obi-Gürtel um ihren Kimono zu binden, weshalb die Kinder an diesem Fest auch heute noch so gekleidet werden. Die Eltern besuchen mit den Kindern einen Schrein, um für deren gesundes Aufwachsen zu beten. Nach dem Schrein-Besuch werden den Kindern „1000-Jahre-Zuckerstangen“ (chitose-amefür ein langes Leben gekauft. So war ich überrascht, nur ganz wenige Kinder im Festtagsgewand im Heian-Schrein anzutreffen, da dieser eigentlich für 七五三 bekannt ist. Mir wurde dann gesagt, dass die meisten Familien am Wochenende kommen, das am nächsten beim 15.11. liegt, weshalb am Freitag selbst noch nicht viel los war. Ein einziges zuckersüsses Kimono-Mädchen konnte ich dann aber doch noch fotografieren.

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An diesem Abend war ich zu einer Party der Kalligraphielehrerin Kitagawa-sensei eingeladen. Sie ist die Lehrerin meines eigenen Kalligraphielehrers und reist ungefähr einmal im Jahr in die Schweiz, um Wochenendkurse in seinem Atelier anzubieten, wodurch ich sie kennen gelernt habe. Ab und zu lädt sie ihre Schüler für einen geselligen Anlass in ein Restaurant ein, und da mein Kalligraphielehrer mit seiner Frau und Verwandten ebenfalls gerade in Kyoto waren, wurden wir Schweizer mit eingeladen. Es war ein total vergnügter Abend in einem Tischgrill-Restaurant, und Frau Kitagawa war rührend darum besorgt, dass auch ich als Nicht-Fleischesserin voll auf meine Kosten gekommen bin.

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Dies war der wunderbare Schlusspunkt meiner wunderbaren Tage in Kyoto. Das i-Tüpfelchen zeigte sich dann aber erst auf der Heimfahrt im Schinkansen-Schnellzug. Auf der Strecke von Kyoto nach Tokyo fährt man in der Nähe des Fuji-san vorbei. Bisher war es jedoch immer wolkiges oder dunstiges Wetter, wenn wir auf dieser Strecke unterwegs waren, sodass wir noch nie einen wirklich schönen Blick auf den Fuji erhaschen konnten. Anders allerdings heute, wo sich der ehrwürdige Berg in seiner ganzen Pracht offenbarte.

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1 thought on “Eingekapselt in Kyoto

  1. Das volle Programm inklusive Fuji-San als Sclagrahm-Tupfen – ich mag’s Dir von Herzen (und mit einer Spur Neid) gönnen. Ich wünsche Dir und uns Leseinnen weitere schöne Erlebnisse und Begegnungen in echt und Playmobil-Format

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